Im Trend: FAMILY GHOSTING

Warum auf einmal jede dritte Familie zerbricht.

Vor noch gar nicht langer Zeit galt es als Konsens: Für Eltern gibt es nichts Grausameres, als ein Kind zu verlieren. Aus dem denkbar schlimmsten ist ein neuer Trend geworden, der aus den USA herüber schwappt und bereits 30% der Bevölkerung dort erfasst hat. Talk-Ikone Oprah Winfrey versucht eine Erklärung: Die Familie ist überflüssig, an ihre Stelle ist das Social Network getreten. Es fordert weniger, hört besser zu, und der Algorithmus spült uns diejenigen Leidensgenossen, deren Eltern (oder Kinder) nicht weniger verdienen als die unwiderrufliche Kündigung, in unsere Cloud. Die Woke-Bewegung hat quasi Stufe 2 gezündet. Mit einfühlsamen Worten definiert sie das Wort "überflüssig" im Familiären ganz neu. Die Cancel-Culture hat Mütter und Väter erfasst, die, wie wir inzwischen gelernt haben, ohnehin überschätzt werden und kurz vor der Abschaffung stehen.

In den sozialen Medien und auf den Bestsellerlisten nimmt der Kontaktabbruch mit den einst Lieben gerade richtig Fahrt auf: FAMILY GHOSTING. Statt sich an einen Tisch zu setzen, stellen immer mehr Familien fest: Es gibt keinen Tisch. Mehr.
Was dabei stirbt, ist nicht der Körper. Was stirbt, ist die Beziehung eines Kindes zu einem Elternteil (oder auch beiden). Oder umgekehrt. Der Kontakt zerschellt am Profanen ebenso wie am Schwerwiegenden. eEin schleichender oder auch abrupter Tod, manchmal über Jahre, und oft für immer. Unendlich schmerzlich für die Eltern. Für deren Kinder der einzig sichtbare Weg, wie sie sich zur Wehr setzen können gegen die gemeinsamen Geister der Vergangenheit. Ein Albtraum, dessen gefühlsmäßige Amplituden kein noch so kluger Gedanke beruhigen kann.

Die Pandemie des Schweigens

„Ein Tabu-Thema“, sagt Soziologe, Gerontologe und Bestseller-Autor Karl Phillemer in seinem Ratgeber FAULT LINES. „Denn wenn Eltern sagen: ‚Mein Kind redet nicht mehr mit mir…‘, dann ist die – gefürchtete – Antwort darauf meist: „Waaas? Was hast du getan?!?“ Die Folge: tiefe Scham. Fakt ist: Die allermeisten Eltern, 80%, wissen nicht einmal, womit sie das familiäre Gebäude zum Einsturz gebracht haben. 

Der Hass oder auch die Gleichgültigkeit entzünden sich an Themen wie der Wahl politischer Parteien, religiösem Glauben, an „geimpft oder nicht“. Und ja: auch daran, ob jemand Veganerin ist oder Fleisch bevorzugt. Familien zerbrechen an dem Brot, das sie brechen. An Tattoos oder Ausgehzeiten. An zu viel oder zu wenig Aufmerksamkeit. Der Bruch entsteht durch die unausgesprochenen „Elefanten im Raum, die auf dem Schoß der Kinder sitzen“, wie Psychotherapeut Matthias J. Barker es formuliert. Allein das Bild zeigt, wie Kinder davon erdrückt werden. Elefanten, die so groß sein können wie Scheidung, Drogenabhängigkeit oder Missbrauch im schlimmsten Fall. Oder auch so belanglos wie die Gummibärchen für die Enkelkinder, wo doch Zucker verboten ist.

Was es nicht zeigt, ist, dass beide, Eltern und Kinder, einst als komplette Laien ins Rennen gestartet sind. Ohne die geringste Ahnung, was es heißt, Familie zu werden, zu sein und zu bleiben. Ein Kind großzuziehen“, sagt Dr. Jordan Peterson, einstmals kanadischer Psychologie-Professor und ein Freund kraftvoller Worte, „ist im spirituellen Sinne die Kreuzigung der Mutter, die erst all ihre Liebe geben muss … um ihr Kind dann anschließend unter die Wölfe zu senden.“ Da hat er leider recht, auch wenn die Frauen der Emanzipationsbewegung 1, 2 und erst recht 3 jetzt vermutlich aufheulen werden. Bereits der Weg von A nach B ist mit Landminen gepflastert.
Väter, sagt Phillemer, sind viermal so häufig vom Kontaktabbruch betroffen, weil sie über das, was zwangsläufig höllisch schmerzt, nicht reden wollen. Dass sie bei der Prüfung zum Eltern-Führerschein wohlmöglich durchgefallen sind, erfahren sie oft erst Jahrzehnte später.

Wenn's dann knallt…

Der Prozess schleicht sich über Jahre in das, was uns früher als der ultimative Hort von Loyalität und Geborgenheit erschien. Als Garant der Liebe, when the shit hits the fan. No more. Keiner will den Vertrag zunächst kündigen, aus Angst vor der möglichen Leere dahinter. Aber gleichzeitig lösen die sozialen Medien Tag für Tag, Post für Post, die einst familiären Band ab, lassen nutzlos erscheinen, was früher nahezu unumstößlich "der Tribe" war. Während die Jahre der Entfremdung verstreichen, gerät das familiäre Band unter immer stärkere Spannung. Bis es schließlich reißt. 


Wie auch in der Ehe, tauchen in einem Trennungsprozess Fragen auf: Kann ich es ertragen, dass wir beide als erwachsene, voneinander unabhängige Menschen auseinander gehen? Kann ich meine Erwartungen an dich, an das, was du meiner Meinung nach tun oder sein solltest, gehen lassen? Und bleibt dann noch genug übrig für eine Beziehung von Liebe und Wertschätzung, die sich nicht über den anderen definiert? Die groß genug ist, um all das, was uns gemeinsam und auch getrennt zugestoßen ist, nicht nur auszuhalten, sondern erstmalig aus einem Blickwinkel zu betrachten? Nein, finden ein Drittel der Amis. Und bei uns ist bereits jede vierte Familie davon angesteckt.

Jefferson Fisher, texanischer Strafrechts-Anwalt und der neue Superstar am Kommunikations-Himmel; ein Mann, der es auf die Top 100 Creators List des TIME Magazins schaffte, kommt in seinem Podcast mit dem Psychotherapeuten Barker „If your Child has cut you out of their lives“ (übersetzt: Wenn dein Kind dich aus seinem Leben ausgeschlossen hat) selbst ins Stolpern, wenn er über seine Mutter spricht. 
Wie tief die Wunden sein müssen, sieht man in jedem seiner wirklich großartigen Ratschlag-Videos. Der junge Vater von zwei Kindern postet sie – bevorzugt aus dem Auto – als Blitzerkenntnisse zu Themen, die jeder aus seinem eigenen Leben kennt. Seine Kommunikations-Erfahrung sammelt Fisher im Gerichtssaal bei schwierigen Verhören. Und für jeden verletzenden, herabsetzenden, beschämenden, ausweichenden Satz hat er eine gute Idee, wie man es besser formuliert – oder wie man auch klare Grenzen setzen kann.
Barker wiederum, junger Vater von drei kleinen Kindern, hat eine lange Liste all der elterlichen Vergehen angelegt, die zum Tod der Beziehung mit den Kindern führten. Wenn er sie vorträgt, erinnern sie irgendwie an die Auswüchse der Woke-Bewegung. Er hat eine erstaunliche Gabe, Empathie und Mitgefühl für die vermeintlichen Opfer so vehement einzufordern, dass es sich irgendwann wie selbstgerechte Gewalt anfühlt.

"Welches kind", fragte Nietzsche, "hätte nicht Grund, über seine eigenen Eltern zu weinen?"

Die inzwischen erwachsenen Kinder, so schildern die beiden Männer ihre Erfahrung mit Tausenden von Betroffenen, sind müde geworden, Dinge immer wieder erklären zu müssen. Ein Gespräch über das, was zum Bruch geführt hat, sei meist sinnlos, weil nichts anderes zu erwarten sei als das, „was dann immer kommt“. Insbesondere die Eltern seien dazu aufgerufen, den Schmerz ihrer Kinder nicht länger zu verleugnen, sondern mit ihnen zu betrauern. Auch den Schmerz, von dem sie gar nichts wussten. Vorher wird das nix mit den Friedenstauben. Man möchte sich die Haare raufen.

Was trendet?

Eine geglückte Erziehung scheint, sieht man die neuen Zahlen, noch unwahrscheinlicher zu sein als eine geglückte Ehe. In den 50er Jahren revolutionierte Alice Miller mit ihrem Buch „Du sollst nicht merken“ die verkorkste Nachkriegsbeziehung zwischen Eltern und Kindern, indem sie den Finger in die Wunde  der Verleugnung jeglicher Konflikte legte. In den 60ern und 70ern wurde das Dogma der Gefühlsunterdrückung von der antiautoritären Erziehung in sein Gegenteil verkehrt. Sie hob alle Grenzen auf und überließ die Kinder weitgehend sich selbst in ihrem Selbstausdruck. In den 90ern löste demokratische Mitbestimmung diesen Ansatz ab, hin zu einer liebevollen, bedürfnis- und bindungsorientierten Erziehung. In den 2000ern wurde die gewaltfreie Erziehung endlich gesetzlich verankert. Die Beziehung auf Augenhöhe mit klaren Grenzen, die Förderung der Kinder und vor allem die Vereinbarung von Beruf und Familie wurden zum erstrebenswerten Familien-Ziel.

Dass nun, in den 20er Jahren des neuen Jahrtausends, das Ghosting von Eltern durch ihre Kinder trendet, oder umgekehrt das der Kinder durch ihre Eltern; dass sie sich gegenseitig innerlich für tot erklären, ist der vorläufige Höhepunkt einer Cancel Culture, die im Streit um die (Geschlechter-)Rollenverteilung jedes Maß verloren hat. Sie ist wie das Conglomerat aller Erziehungsstile des letzten und jetzigen Jahrhunderts, gone wild. Toxisch, narzisstisch, übergriffig, missbrauchend: Wörter wie Fallbeile, maßlos benutzt.

Brené Brown, vielfache Bestsellerautorin und eine der führenden US-Soziologinnen, fasst den Schmerz, in dem beide im Angesicht des Familientodes gefangen sind, in einem Podcast über das viel besprochene Loslassen zusammen: „Die Erklärung wird vielleicht niemals kommen. Wir werden unter Umständen lernen müssen, mit der Ungewissheit zu leben.“ Die Höchststrafe in der Höchststrafe für das menschliche Gehirn.

Niemand hat einen Anspruch darauf, zu erfahren, sagt sie, was eigentlich genau passiert ist. Aber jeder hat das Recht darauf, alles zu versuchen und auch seine eigene Seele so lange zu erforschen, bis es nichts mehr zu erforschen gibt. Denn es geht gefühlt um nicht weniger als Leben und Tod, um einen nicht beschreibbaren Schmerz. Doch dann sagt Brown: „We don’t have to make their lack of closure our prison.“ Übersetzt: "Wir müssen den Mangel an Abschluss nicht zu unserem Gefängnis machen." Ein Schlüsselsatz, wenn das Ende einfach kein Ende findet.

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