Liebe am Abgrund

Kennt Ihr noch den Slogan: Berlin ist immer eine Reise wert? Vielleicht muss ich anders fragen: Kennt Ihr ihn überhaupt?‘
Ich habe immer JA gesagt zu Berlin. Als junger Reporter für den ‚Stern‘ war ich Ende der 60iger Jahre in Berlin, die Redaktion in der Kurfürstenstraße 72 im 1. OG, mein Apartment im 3. Stock. In der Tiefgarage mein roter Alfa Romeo, Cabriolet, Holzlenkrad, fünf Vorwärtsgänge, Ledersitze. Wie geil war das denn…24, jüngster Redakteur beim ‚Stern‘, Sportwagen, der Himmel hat keine Grenzen!

Was für ein Berlin damals! Man berlinerte noch…, und das Berlinern nannte man (zu Recht) Berliner Schnauze. Ich hieß Icke, gut wurde zu jut,  mein zu meen, „Was machst du?“ wird zu Wat machste?. „Ich weiß nicht“ wird zu Ick weeß nich. Die Bulette war ein Frikadelle, Atze ein enger Freund, und ‚Jans weit draußen‘ bedeute so viel, dass er am Arsch der Welt wohnt. Bevor die Mauer den Weg versperrte.

Die Freiheit hieß 20 x Avus und zurück

Klaus Schütz war damals Regierender Bürgermeister, und ich stand staunend in dieser Stadt: Engagiert von Henri Nannen, dem legendären Stern-Chef, voller Hoffnung, eine Titelgeschichte nach der anderen zu schreiben. Der Ku’damm war mein zweites Zuhause. Hier aß ich die besten Steaks, hier erlebte ich die Studentenunruhen, hier ertrug ich die ersten politischen Ideologien, die mir als gelerntem schleswig-holsteinischen Kleinstädter so fremd waren. Ich sah das Blut, das bei den Unruhen auf dem Ku’damm floß. Polizeipferde bluteten, und Menschen bluteten. Der Schlachtruf hieß »Ho, Ho, Ho Chi Minh“.
Als ich am 21. Juli 69 von Hamburg über die Zonenautobahn nach Berlin kam, wurde ich - wie immer - rechts raus gewinkt. Der DDR-Grenzer, der meinen Alfa Romeo checkte, suchte unter der Motorhaube nach den obenliegenden Nockenwellen, und als ich ihm erklärte, dass ich auch nicht wisse, wo die sind, und ihn höflich bat, mich schnell durchzuwinken, weil ich gern die Mondlandung mit demUS-Astronaut Neil Armstrong, der als erster Mensch den Mond betreten würde, antwortete er nur zynisch-grinsend: „Keen Problem. Die wird noch oft wiederholt…“ und dann setzte er an, meinen Alfa noch mal intensiver unter die Lupe zu nehmen. Sitze raus, Kofferraum auf, Handschuhfach leer geräumt.

Als ich nachts um halb vier in meiner Wohnung eintraf, war die Mondlandung Vergangenheit. Aber immerhin, der Typ hatte recht: Die Mondlandung ist noch mehrfach wiederholt worden…
Mich zog’s bald nach Hamburg zurück. Warum? Berlin war mir zu eng, die Mauer überall präsent, und wenn ich mich mal richtig austoben und das Gefühl von Freiheit in dieser eingemauerten Stadt haben wollte, dann habe ich mich in meinen Alfa gesetzt und bin die Avus 20 mal rauf und runter gebrettert.  Mit Vollgas…hinterher ging’s mir besser.


Berlin in Zeiten des RAF-Terrors

Als ich ein paar Jahre später, 1976, wieder nach Berlin kam, existierte die Mauer immer noch. Ich saß im 7. Stock des Axel-Springer-Hochhauses, stellvertretender Chef bei Bild Berlin, von uns liebevoll Randale-Zentrale genannt. Was erlebte ich nun für ein Berlin? Ich wohnte im Corbusierhaus am Olympiastadion, herrlich, in einer Maisonette. Zwei Balkons, zwei Stockwerke, 600 D-Mark Miete, und weil der Staat den Menschen, die in Berlin arbeiteten und Berlin trotz aller Isolation quasi die Stange hielten, 30 Prozent der Steuern erließ, blieb vom Brutto eine Menge Netto hängen.
Und die andere Seite? Peter Lorenz wurde entführt, die Landshut gekapert, Hanns Martin Schleyer wurde am 18. Oktober 1977 ermordet, getötet durch drei Kopfschüsse von Mitgliedern der Roten Armee Fraktion (RAF). Seine Leiche wurde am 19. Oktober 1977 im französischen Mülhausen (Mulhouse) im Kofferraum eines Autos gefunden. Wir waren einfach nur noch fassungslos und wütend. Und erschüttert.

Unsere BILD-Fotografen dokumentierten diesen elendigen Hass der Linken auf ihre Weise. Sie richteten ihre Objektive pausenlos auf die Zäune und Grenzposten unterhalb des Springer-Hauses. Sie schufen unvergessene Dokumente. Wir sahen und hörten von oben die pausenlos kläffenden Hunde, die nur darauf warteten, von den DDR-Grenzern losgelassen zu werden, um Menschen zu jagen. Weil die einfach nur von Ost nach West wollten. Und wenn ich morgens in die Redaktion fuhr, konnte ich die Siegessäule noch passieren, aber dann ging’s auch schon rechts ab, und dann wieder links in die Kochstraße zum Verlag. Geradeaus war nicht möglich, denn da war die Mauer, und das Brandenburger Tor war in Sichtweite. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als eines Tages diesen kleinen Umweg nicht mehr nehmen zu müssen, sondern direkt durchs Tor oder am Tor vorbei geradeaus zu fahren… Aber das schien mir als eine Illusion, zu weit weg vom gesunden Menschenverstand.

„Der Tag wird kommen, an dem das Brandenburger Tor nicht mehr an der Grenze liegt.“
(1. Mai 1959 in West-Berlin)Willy Brandt am 1. Mai 1959 in West-Berlin

Doch dann, als ich zum dritten mal nach Berlin zog, da war der Weg frei! 2000! Längst keine Mauer mehr, keine Mauerschützen, die bei Fluchtversuchen sofort schossen. Keine Transitautobahn, Freiheit pur in einer Stadt, die Freiheit verdient hat! Essen in hippen Restaurants am Prenzlauer Berg, Freunde in Pankow, die Charité offen für Patienten aus der ganzen Welt, sogar für Wessis.
Entspannte Tage und Abende am Gendarmenmarkt, beschützt vom Französischen und vom Deutschen Dom, Konzerte unter freiem Himmel, Hackesche Höfe mit Cafés und Kinos. Kollegen und Kolleginnen in der Redaktion, die vorher für das Neue Deutschland geschrieben haben und die sich treu bleiben, ohne ausgegrenzt zu werden. Ein Bürgermeister, der schwul ist und das öffentlich zugibt. Einer, der Berlin preist - als arm aber sexy. Eine Friedrichstraße zum Flanieren! Ein Ku’damm zum Flanieren. Ein Wannsee für alle, ein Müggelsee für alle. Freies Baden! 

Ein Leben ohne Bürgergeld, ohne illegale Migration, Menschen aus allen Ländern auf den Märkten und in den türkischen Gemüseläden in Neukölln. Wohnungen ohne Ende. Ich zog in ein Loft in den Paul-Lincke-Höfen in Kreuzberg, und ich konnte wählen: großes Loft, kleines Loft, Loft mit Dachterrasse. Alles bezahlbar, alles war möglich. Selbst das Joggen am Ufer…das einzig Gefährliche waren die Raben, die es an manchen Tagen mit ihren spitzen Schnäbeln auf meinen Kopf abgesehen hatten…

Ossis und Wessis gingen aufeinander zu, mit und ohne Vorbehalte. Und so manches ‚Kontaktgespräch‘ endete in dieser wiedervereinten, freien Stadt in irgendeinem Bett, ohne dass irgendjemand Angst haben musste: ob in Neukölln oder in  Charlottenburg, Köpenick oder in Marzahn-Hellersdorf, Rummelsburg oder in Schöneberg - egal wo, Berlin war frei und gut gelaunt. Und wirklich sexy!

Und nun dies…

Und was ist Berlin heute? Die Hunde an der Mauer kläffen nicht mehr - aber haben Hetzjagden auf Menschen dadurch ein Ende? Weiß Gott nicht! Wohin ich auch gucke - Wahnsinn! Klapsmühle Reichstag! Klapsmühle Rotes Rathaus! Fassungsloses Kopfschütteln in diesem ruchlosen Moloch namens Berlin. Hass und jeden Tag neue Verbotszonen, Intrigen und Korruption. Links gegen rechts, rechts gegen links, Mitte gegen alle, selbst gegen sich selbst. Namenlose Politiker, die selbst nicht glauben, was sie sagen. Und wenn sie etwas sagen, haben sie es morgen vergessen. Oder behaupten das Gegenteil.
Lügen-Vorbild Friedrich Merz, unser Kanzler gibt den neuen Takt an. Im Bundestag eine Präsidentin, die sich aufspielt wie eine autoritäre Obermutti, eine Gouvernante im karierten Rock. Im Roten Rathaus (noch) ein Regierender Bürgermeister namens Kai Wegner, von dem man nicht weiß, was er besser kann: Tennis spielen oder lügen.
Bei 110 hängt man ewig in der Warteschleife, die Brücken sind marode, stundenlange wütende Demos gegen Restaurants, die Gänsestopfleber auf ihrer Speisekarte haben. Eine Wohnung kriegt man nicht, und die, die Wohnungen haben, sollen enteignet werden. (Wer soll denn hier noch investieren wollen?)
Wer abends heil nach Hause kommt, kann glücklich sein. Clans, die hoch bewaffnet in Villen herrschen und in der Politik mitmischen. Deren schwere Limousinen ohne Strafzettel in der zweiten Reihe parken. Clans, deren U-Boote in der Justiz, in allen Behörden und in der Polizei abgetaucht sind. Und deren Anwälte Dinge regeln, die eigentlich nicht zu regeln sind.

Eine Metropole heute im Würgegriff von Linken, Extremisten, Sozis, Lügnern, Judenhassern, Clans, Faulenzern, Nichtskönnern, Besserwissern, illegalen Migranten, schlichtweg von Menschen, die Berlin verabscheuen. Und von immer mehr Menschen, die ihr Einkommen aus Flaschen sammeln bestreiten. Und ich frage mich immer öfter: Wer ist gefährlicher - die Hunde von damals oder die Verantwortlichen von heute?

Was zur Hölle…

Deshalb ist für mich auch am allerschlimmsten die Tatsache, dass Wahlberechtigte ausgerechnet die Menschen in dieser eigentlich einzigartigen Stadt an die Macht gewählt haben, deren Vorgänger in der SED die Hunde auf Menschen losgelassen haben und ihnen in den Rücken geschossen haben. Geschossen auf Männer, Frauen, Kinder, die einfach nur in Freiheit leben wollten. Ich sag’s nur mal zur Erinnerung: An der Berliner Mauer starben im Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime zwischen 1961 und 1989 genau 140 Menschen. Erschossen, verunglückt oder durch Suizid nach einem misslungenen Fluchtversuch.

An der gesamten innerdeutschen Grenze kamen nach Erkenntnissen der Forschungsgruppe „Eiserner Vorhang“ mindestens 429 Menschen direkt bei Fluchten aus der DDR ums Leben. Niemand darf diese Toten vergessen. Niemand darf vergessen, wer die Schießbefehle dafür gegeben hat! Niemand sollte deren Nachfolger wählen! Und niemand darf vergessen, wonach sich die Toten gesehnt haben: NACH FREIHEIT!

Ehrlich, ich bin erschüttert. Ich bin (k)ein Berliner. Ich habe hier gelacht und geliebt, geheiratet und gearbeitet, geweint und gelebt. Berlin ist tief in meinem Herzen. Und mein Herz weint, wenn ich all das sehe…und rieche! Diese Welle der Gewalt - ob auf den Straßen, im Roten Rathaus oder unter der Reichstagskuppel, im Görlitzer Park, am Alexanderplatz - hat Berlin nicht verdient.

Einfach mal aufstehen


Charismatische Männer wie Willy Brandt und Richard von Weizsäcker waren hier Regierende Bürgermeister. John F. Kennedy hat den Menschen Mut gemacht und ihnen zugerufen ‚Ich bin ein Berliner‘. Obama wurde umjubelt, politisch haben Kohl und Reagan die Mauer eingerissen, Axel Springer hat sein Medienhaus an der Mauer gebaut und damit den Menschen im Osten ein Versprechen abgegeben: Wir werden Euch immer sehen - wir werden immer auf Euch aufpassen! Axel Springer hat Wort gehalten.
Er hat dem Staat Israel das Versprechen gegeben, das NIE WIEDER auch tatsächlich nie wieder bedeutet. Nun fliehen Juden wieder aus Berlin: vor Deutschen, die sich zwecks Unterstützung islamistische Terroristen ins Land geholt haben.

Axel Springer: Ein Mann, den ich live erleben durfte und mit dessen Sohn Sven Simon - einem begnadeten Fotografen - ich als Reporterteam unterwegs war. Ich bin sicher, er rotiert schneller im Grab als Elon Musk seine Mars-Raketen abschießt. Die Stadt ein Garant für eine unsägliche Gesetze. Der einst stolze Bundestag ein Ort der Scham. Abgeordnete, die sich nicht die Hand geben. Politiker, die nicht, niemals, not ever zurücktreten, egal, wie verrottet sie sind.

Berlin ist immer eine Reise wert? Hat der Slogan noch Bestand? Wenn man sich Zeit nimmt und nicht auf pünktliche An- und Abfahrt der Deutschen Bundesbahn angewiesen ist… vielleicht.

Ansonsten kann man nur hoffen, dass in Berlin bald auch mit dem Herzen wieder mehr berlinert wird!

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